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Eine Notiz von Ueli Remund über Marco Morelli

Anmerkung von mir: Ueli war mein 4.-Klass Lehrer

In Bern wird das Stadttheater umgebaut. Derweil bespielt man auf dem Waisenhausplatz ein grosses Zelt, den sogenannten Kubus. Hat 500 Plätze, und die Aussenhaut ist ein einziges Trompe d’oeil der Fassade des Stadttheaters. Jetzt, im Juli, während der Sommerpause, spielt dort der Marco Morelli, vielleicht der begabteste Schüler, den ich je hatte. Der hätte nicht nur Clown werden, der hätte zum Beispiel auch Kunstmaler werden können. Was der zeichnete und malte in der Schule, das war immer auffallend eigenständig und schön. Wir haben von seinem Gastspiel in der Zeitung gelesen und gehen nun hin. Als wir ankommen, ist der Eingangsbereich des Kubus schon gut besetzt. Keine Kasse. Dafür ein Hut beim Eingang, so wie er das immer gemacht hat. Also auch hier, im Stadttheater-Kubus. Vorn auf dem Podest steht schon alles bereit. Die Dinge, die Marco braucht, er braucht sie schon ewig, wie er während der Vorstellung bemerkt. Schon als er in den Achtzigerjahren mit dem legendären Zampanoo’s Variété auftrat, benützte er zum Teil die gleichen Requisiten. Neben dem Podest trifft Marco die letzten Vorbereitungen. Ich gehe grüssen und überrasche ihn dabei, wie er seinen Zahnprothesen mit Haftpaste den nötigen Halt zu geben versucht. Sonst habe er Probleme beim Blasen der Trompete und des Alphorns, erklärt er. Der Marco hat also keine eigenen Zähne mehr. Er habe innert acht Monaten im Anschluss an das Drama mit seinem Elternhaus, dem Restaurant «Linde», sämtliche Zähne verloren, sagt er.
Dann die Vorstellung. Einfach Morelli. Immer noch. Auch wenn die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat. Spuren vor allem in seinem Gesicht. Morelli heute, das ist ein vom Leben gezeichnetes Gesicht über einem jungenhaft wirkenden Körper, der beweglich geblieben ist. Alles, was Marco macht, ist gut. Er singt gut und ausdrucksvoll, spielt gut Trompete, zeigt gute Kunststücke und Zaubertricks, singt eigene Songs. Gute Songs. Begleitet sich gekonnt auf der Gitarre. Zwei Stunden lang. Leider eine halbe Stunde zu lang. Weniger wäre mehr gewesen. Er müsste die Peinlichkeiten in seinem Programm, falsche Brüste aus Jonglierbällen etwa, weglassen. Ich denke, hätte er sich mal von einem guten Regisseur etwas sagen lassen, er wäre ein grosser Komiker geworden. Ein grosser Komiker war er wohl immer. Aber er hatte nicht dessen breiten Erfolg. Zu viel Eigensinn, zu viel Widerspruchsgeist. Er hat die Leute immer vor den Kopf gestossen. Das braucht er wohl, um von sich den Eindruck zu haben, ehrlich und echt zu sein. Anderseits: Hätte er sich führen lassen, wäre er nicht mehr der Marco Morelli gewesen, dieser absolut einmalige Mensch, der an seinen Träumen und Überzeugungen festgehalten hat. Übrigens: Das Foyer wurde dann gestossen voll. Am Schluss starker Applaus. Für einen echten Künstler.

Ueli Remund Sommer 2016

http://www.literapedia-bern.ch/Remund,_Ueli

http://tls.theaterwissenschaft.ch/wiki/Ueli_Remund

Bier? Nein danke!

Ich glaube, ich bin der einzige zentral-europäische Wirtesohn der kein Bier trinkt. Irgendwann hat man dieses Getränk schon auch ausprobiert, aber mit dem bitteren Geschmack konnte ich mich als Jugendlicher nicht anfreunden. Als Lehrling, die Zeit der grossen Süffe, war bei mir nie Bier im Spiel. Wein und Schnäpse hatten es mir damals angetan.

Das erste bewusste Bier habe ich erst mit 21 Jahren getrunken und ich konnte das bittere, erfrischende Getränk, sowohl der daraus resultierende Schwips auch geniessen. Aber eben, Bier wurde nie meine tägliche Stimulanz, wenn’s im Jahr drei Panaché sind, ist es schon aussergewöhnlich.

Vielleicht haben mich die drei folgenden Geschichten geprägt.

/// Wir hatten unter Linden und Kastanienbäume eine sehr grosse Gartenwirtschaft. Einmal hatten sich Studenten-Verbände für ein Fest im Garten angemeldet. Grössere Gruppen kamen zum Teil zu Fuss von Bern durch den Forst gelaufen und so wie sie zum Laupenwald rauskamen, waren die schon stockbesoffen. 200 Akademiker, oder mehr, verschiedenen Alters in unserer lauschigen Gartenwirtschaft. Das Bier floss Fässer weise, es wurde gekotzt, gepisst, randaliert, es war laut und grob – für mich als Kind wie Krieg im Haus. Die akademischen Altherren haben dann jeweils den jungen Füchsen Aufgaben aufgetragen, z.B. : «Holt mal dem Wirt seine Krawatten.»
So hatten wir die besoffene, studierte Drecksbande nicht nur im Gastrobereich, sondern auch in unserer Wohnung wo sie das elterliche Schlafzimmer auseinandergenommen hatten. Arrogant, frech, blöd und gewaltätig. Mein Vater hatte viel Arbeit, diese ausufernde Gesellschaft im Griff zu halten. Zwei mal habe ich erlebt, wie er die Nerven verlor und mit seinen grossen Händen zuschlug. Es waren so klassische vaterländische Watschen, aber so heftig, dass die Studenten K.o. am Boden lagen. Für mich als Kind war das bedrohender, nackter Terror. ///

/// Meine Mutter hatte nicht gerne wenn wir Beiz sagten, dass sei keine Beiz sondern eine Wirtschaft. Die «Linde» war sicher keine Knelle, eher so ein normalbürgerliches Restaurant mit vielen langjährigen Pensionären, Jasser, Vereinen, Konfirmationsessen usw. einfach alles was in einem Landstädtchen so anfällt.
Und eben, schräg über die Strasse gabs eine Metzgerei, ein Familienbetrieb mit vielleicht zwei Angestellten. Irgendwann hat diese Metzgerei gewaltig vergrössert und hatten eine Vielzahl von Arbeiter eingestellt und im Schlachthaus ging es Industriell zu und her.
Es gab eine Zeit, da kamen die Metzgersburschen, zu zehnt oder mehr, immer Freitags am Feierabend zu uns zum Wochenausklang und zum Sauffen und was haben sie gesoffen? Bier natürlich. Es waren zum Teil grobschlächtige Gestalten und mehrheitlich Junggesellen. Sie sassen immer im Sääli, neben der Gaststube und das Bier floss in Strömen. Die Stimmung ging schnell über das frivole hinaus ins grobe, ins rassistische, ins sexistische, ins gewalttätige, laut, dominant und widerlich.
Meine Mutter musste dauernd die jungen Serviertöchter beschützen, wenn der Sexismus übers Verbale hinaus körperlich wurde. Es gab auch Serviertöchter, die haben das erotische gesucht, aber die Mutter war immer zur Stelle. Für mich als vorpubertierender wars halt auch irgendwie spannend, aber auch befremdet weil verlogen, versteckt, grob, und blöd – diese biergeschwängerten Balzrituale.
Eine Stimmung, die man sich als Wirtefamilie überhaupt nicht wünscht. Irgendmal ging dieses wöchentliche Saufgelage zu Ende und Freitag abends kehrte wieder Normalität ein. Nicht dass es bei uns nie laut gewesen wäre, nein das ging manchmal auch bunt zu und her, der Alkohol hat die Kehlen geöffnet, so wurde manchmal gesungen und im Sääli stand noch ein Klavier, aber immer irgenwie mit Humor und Stil und nicht dieses Macho-Männer-Bier-Gekotze. ///

/// Mein Vater, Norditaliener mit normalguter Schulbildung, gelernter Mechaniker und hereingeheiratet wurde als Wirt schnell mal Anlaufstelle für all die ersten süditalienischen Gastabeiter die es nach Laupen verschlagen hat. Diese junge bunte Schar arbeitete in den Fabriken, im Gewerbe oder auf dem Bau. Sie zeigten uns jungen Laupener zB. wie artistisch beim Fussballspielen die Ballbehandlung sein kann.
Rolf Könitzer, Urgestein der Berner Rock Scene, damals Handlithograf in einer Laupener Druckerei und über längere Zeit Mittagsgast bei uns im Restaurant, organisierte ein Rockkonzert, eine Sonntags-Matinee im Kino Hirschen. Ich war in der achten Klasse, wo mir dieses Konzert eine total neue Welt offenbart hat. Richtige Live Rockmusik, in Laupen damals eine absolute Novität. Der Rolf als Leadgitarrist & Sänger und begnadeter Chuck Berry Coverer und in der Rhythmus-Sektion der Mimmo, der Michele und der Giuseppe, die Fremdarbeiter aus Kalabrien.
Das tönt alles so romantisch, aber die Kontingentspolitik, der Saisonier-Status, hatte für die jungen Italos zum Teil eine ganz triste Schattseiten. Aus sozialen Gründen ihrer Heimat entflohen, fremd in fremdem Land, entwurzelt und als Tschinggle betittelt , (das schweizerische Pendant zum amerikanischen Nigger), ohne Familie oder Geliebte und mit der Italiener-Krankheit befallen, (ein damaliger Ausdruck) gemeint war Heimweh und Depression.
Meine Eltern hatten die Idee aus dem Kaffee-Stübli, bis dato ein Raum für Sitzungen und kleine Bankette, einen Italo-Treff zu machen, mit Musik-Box. Und da haben sie dann zum Teil ihre Freizeit verbracht, Karten gespielt und Bier getrunken. Und immer mehr Bier, war halt als Rauschgetränk günstig, aber entsprach überhaupt nicht ihrer Trinkultur und es wurde immer mehr. Nicht in die Lust, in das Elend  haben sie gesoffen. Dann gabs Schlägereien und als die Bierhumpen durch den kleinen Raum flogen, waren meine Eltern gezwungen, das Italo-Stübli zu beenden. ///

Ich kann alleweil zwischen einem guten und einem schlechteren Bier unterscheiden und manchmal denke ich, dass mit dem alten Rauschmittel Bier edler umgegangen werden sollte. Manchmal frage ich mich auch, ob Bier blöd macht? Nein sicher nicht, es gibt höchstens blöde Biertrinker und die werden dann einfach noch blöder – da kann eigentlich das Bier auch nichts dafür, oder doch?
Ich weisse es nicht, aber ich weiss, dass wenn es in unserem Restaurant sackgrob wurde, immer Bier im Spiel war – ob ich vielleicht deswegen dieses Getränk meide?

Ich bin Gott – Du auch

«Ig möcht niemer i sine religiöse Gfüeu verletze,
aber wärum eigentlich nid?
Solang ig nume mit Wörter um mi schlah,
cha mir niemer vorem Vergnüege schtah.»

Die einen sind bekennende Christen, andere bekennende Moslems oder Juden, wiederum andere bekennende Hinduisten oder Buddhisten und ich bin bekennender Erdenbewohner und mir reicht das vollkommen.

Religionen sind Auslaufmodelle. Das braucht Zeit, die Aufklärung hat ja gestern erst begonnen. Aber mit was füllen wir das aufkommende seelische Vakuum? Mit Konsum, Sport und Pharma, das sollte doch reichen, oder?

Glauben beruhigt – Rotwein auch. Glauben schaft Fundamentalisten – Rotwein Alkoholiker. Alkoholiker sind mir sympatischer.

Religionen, religiöse Sekten und das ganze esoterische Angebot dient vorzüglich und bequem dazu, den eigenen, jämmerlichen, einsamen Arsch über die Runden zu retten.

Goethe bringt das Thema schlicht und einfach auf den Punkt:
«Wer Wissenschaft und Kunst hat, hat Religion.
Wer keine Wissenschaft und keine Kunst hat, bekommt Religion.»

Mich interessieren Gesprächsrunden mit inteligenten Vertreter der grossen Weltreligionen. Aber ohne Atheist am selben Tisch, haben die Marken-Artikel-Verkäufer keinen wahrhaften Wert.

Spiritualität bedingt einer absoluten Bodenhaftung, alles andere ist schöngeistiger Firlefanz und verlogene Selbstbefriedigung.

Uta Ranke Heinemann (einst vom Vatikan abgesägte Theologin) auf die Frage zu Gott:
«Ich weiss genug um zu schweigen
und zu wenig um über Gott zu reden.»

Viele abendländische Schmalspur-Buddhisten sind verwirrte Katholiken.

Wir streben Demokratien an und die Gleichberechtigung der Geschlechter – braucht es dazu Religionen? Nein, sicher nicht, aber der Rabbiner in der Gesprächsrunde hat schon recht, wenn er sagt: «dass ein Volk oder eine Nation zum Berserkertum verkommt, wenn keine Religiosität mehr vorhanden ist».
Obschon, seit es Religionen gibt, haben die auch nicht viel zu einer friedlicheren Welt beigetragen. Also, nicht Religionen sind gefragt, eher schon eine normale, gesunde Portion Demut und die Achtung der Menschenwürde.

Die Sinnfragen irritieren, weil es keine klaren Anworten gibt, aber es muss ja auch nicht immer auf alles eine klare Antwort geben. Wo kämen wir da hin, das wäre ja stink langweilig.

Der Theologe Hans Küng in einer Radiosendung zur Tatsache, dass es zwischen der Wissenschaft und der Theologie keine Kommunikation gibt, «dass eine bessere Zusammenarbeit beiden Lager weiterhelfen könnte und dass am Schluss eh ein Mysterium steht».
Ja, klar steht am Schluss ein Geheimnis, aber das ist doch der spannenste Ansatz in unserem Menschendasein und öffnet wunderbare musische, künstlerische und philosophische Räume.

Gott sei Dank bin ich Atheist.

Vergänglichkeit

Ich nahm ein verwelktes Blatt in meine Hand,
das ich vor meinen Füssen am Boden fand
und eines war mir ganz gewiss,
einmal werd ich sein wie du,
mein Gebiss und ich
sind auf dem besten Weg dazu.

Morelli als Rotkreuzfahrer

Manchmal habe ich lange Zeit keine Auftritte, keine Proben, kein Projekt oder irgendwelche Arbeiten die anstehen. Gut, ich kann immer ein wenig trainieren, etwas für meinen Körper tun, Jonglieren, Rola-Bola üben, Lieder repetieren, Alphorn und Trompete pflegen, so dass mein Repertoire immer ein wenig à Jour bleibt und nicht gänzlich verkümmert, dass ich gerüstet bin für eventuelle, anstehende Auftritte. Aber manchmal habe ich keine Lust, mag nicht trainieren, mag nicht kreativ sein. So weit, so gut. Aber eben, manchmal hänge ich erbärmlich schlapp, ideenlos und depressiv rum und dann ist es wohltuend eine Aufgabe zu haben, welche mich fordert, mir einen klaren Kopf abverlangt und dass war seinerzeit weitgehend der Grund, als ich mich vor 6 Jahren der «Spitex Gantrisch» als Fahrer angeboten habe.

Ehrenamtlicher Rotkreuzfahrdienst nennt sich das, eine eigentliche Freiwilligenarbeit. Das Rote Kreuz führt eine Statistik über diesen Service. Man fährt das eigene Auto, ist für die jeweilige Fahrt vollkasko versichert und die Tarife sind schweizweit einheitlich geregelt. 80 Rappen pro Kilometer / erste Stunde Warten ist gratis / zweite angebrochene Stunde Warten gibt 10.- Franken. Die Gäste bezahlen gleich bar und bekommen dafür eine Quittung für eventuelle Rückvergütungen, je nach ihrer Versicherung.

Die Aufträge kommen oft sehr kurzfristig und manchmal muss ich absagen oder bin auf Tournee. Die Spitex koordiniert die Fahrten, schaut welcher Fahrer in der Nähe des zu fahrenden Gastes wohnt und wenn der nicht kann, halt der nächste. Viele FahrerInnen sind Rentner und die fahren nicht so gerne in den Stadtverkehr, was für mich kein Problem ist. Man hat auch Ausweise und Behinderten-Logos welche einem das Parkieren vereinfachen. Ich fahre mit meinem Toyota-Bus, welcher nicht zu letzt von den älteren Gästen geschätzt wird, weil ihnen das Ein und Aussteigen leichter fällt als in einem Personenwagen mit tiefen Polster.

So fahre ich Leute zum Arzt, zum Zahnarzt, zum Optiker, ins Tagesspital, oder was auch immer. Ich mache dass  gerne und habe es immer gut mit meinen meist alten Gästen. Primär bin ich Fahrer, aber manchmal auch Pfleger, Gesprächspartner oder Seelsorger. Ich bin redseelig, will immer wissen was sie drückt, wie es ihnen geht, woher sie kommen, wie sie aufgewachsen sind, usw. Die einen  schon ein wenig dement, andere trotz hohem Alter total klar und wiff im Kopf. Die einen gut zu Fuss, andere schwach auf den Beinen, oder gehbehindert. Ich helfe sowieso immer beim ein- und aussteigen, aber die einen muss ich dann auch beim Gehen stützen und halten.

Mein erster Einsatz war die Frau S, eine ältere, betagte Witfrau vom Dorfrand zum Dorfarzt fahren. Wieder zu Hause meinte sie, ich solle reinkommen zum abrechnen und ich entgegnete, dass das meine erste Fahrt sei, die sei für sie gratis, dass sei mein Einstand und sie war irritiert erfreut.

Oft haben wir es lustig, sie mögen mich und die alteingesessenen Zimmerwaldner Frauen empfehlen mich weiter: Lydia, wenn du mal einen Spitex-Fahrer brauchst, musst du schauen, dass du den Morelli bekommst…

Einmal war ich zeitlich knapp und ich bin schnell, viel zu schnell gefahren, worauf der 85 jährige Bauer meinte: Du fährst rassig, das gefällt mir…

Mit der Frau Z war ich mal ein Stunde zu früh in der Fusspflege, das wurde schlecht kommuniziert und so sagte ich zu Frau Z, dass ich jetzt den Kilometerzähler abstelle und dass wir jetzt eine stündige Fahrt  durchs Schwarzenburger-Land machen. Frau Z hat nicht so geredet, war meistens ganz stumm. Ja nun, so legte ich halt Musik auf und auch sie hatte Spass am Ausflug.

Oder die 65 jährige Frau M welche mir auf meine Frage gleich von ihrem Brustkrebs erzählt, dass sie jetzt zwar keine Brüste mehr habe, aber dass sie trotzdem noch eine Frau sei – ich war beeindruckt von ihrer Offenheit, wo wir uns doch erst seit 3 Minuten kennen. Aeltere Leute erlebe ich sowieso oft sehr ehrlich, direkt und ohne Tabus.

Und die Frau G kommt mit schlechtem Bericht und weinend aus der Onkologie. Ich muss sie in die Arme nehmen und halten. Auf dem Heimweg probiere ich das Schicksal philosophisch anzugehen und das hilft ein wenig lindern.

Oft bin ich mit diesen älteren Leuten, meistens die aus dem Bauernstand, gleich per Du.
Hans, ich muss schreien, er hört schlecht, du musst dein Gebiss wieder mal unterpolstern lassen, dass es nicht so klappert und besser sitzt. So zeige ich ihm meine eigenen, neu renovierten Zahnprothesen und dann mussten wir beide lachen…

Die Witfrau K führte ich mehrere male zum Einkaufen. Als ich sie mit den Taschen noch in die Wohnung rauf begleite, sehe ich, dass sie ganz nasse Hosen hat. Unten im Auto dann die Ueberaschung: Der ganze Beifahrer-Sitz total verpisst und der Geschmack ganz arg. Drei Stunden lang probierte ich den Sitz zu reinigen, aber die Pisse war in den Textilien und der Geruch schlecht zu tilgen. Aeltere Leute trinken oft zu wenig, nehmen noch Medikamente und so wird der Urin und sein Geschmack sehr scharf, beissend und sollte mich über längere Zeit noch im Auto begleiten. Am nächsten Morgen ging ich gleich zu Frau K die sich jetzt bestimmt schämt und sich künftig schwer tut, mich wieder anzufragen. Ich ging gleich auf den Zwischenfall ein, erst wollte sie ausweichen, aber dann erzählt sie über ihre Inkontinenz und es tat ihr sehr leid. Ich meinte, dass das passieren kann, dass das kein Problem sei, aber dass wir künftig besser kommunizieren müssen oder Vorkehrungen treffen und so habe ich sie noch weitere male zum Wocheneinkauf begleitet.

Herr F, uralt, betagt und sehr wacklig auf den Beinen hatte in der Stadt einen Arzttermin. Danach gab er mir zu spühren, dass er gerne noch in ein Wahrenhaus gehen möchte, er brauche ein neues Uhrenbändeli und eine Haarbürste. Ja klar, das machen wir, ich nahm in an der Hand und dann gingen wir shoppen.

In Niedermuhlern gabs ein Heim für geistig behinderte ältere Frauen. Mit drei von denen bin ich mehrmals in die Stadt in ein anderes Heim zur Weihnachtsfeier oder zum Lotto gefahren und wieder abgeholt.  Das war immer ein riesen Gaudi, die drei verrückten Weiber und ich, immer laut und fröhlich – eine schräge, bunte Clowntruppe auf Ausfahrt…

Die soziale Spannbreite der zu Fahrenden ist gross. Der eine war Verdingkind und Knecht, der andere Gewerbeschulinspektor vom Kanton Bern, interessant was ich da für Haushaltungen antreffe. Die «Einfachen» geben mir immer, manchmal sogar ein sattes Trinkgeld. Die «Besseren» eher keines, oder höchstens ein mageres. Aber ich erwarte gar kein Trinkgeld und keinen Lohn. Ich bin etwas ehrenamtliches eingegangen und das ist gut so. Der Kilometer-Preis bezahlt mir in etwa das grosse Auto und die 10.- Franken in der zweiten Stunde warten, die Kaffee’s.

Viele, die ich zum Teil mehrfach gefahren bin, sind mittlerweilen schon gestorben – so ist das Leben und es kommt eine Zeit, da werde ich mich gleich selber fahren können.